Digitalisierung geschlechtergerecht gestalten in Sachsen-Anhalt

Eine gleichstellungsorientierte Digitale Agenda umsetzen

04.06.2021
Geschäftsstelle

Die Digitale Agenda des Landes Sachsen-Anhalts soll geschlechtersensibel und gleichstellungsorientiert gestaltet werden. Wie dies genau aussehen könnte, fragten am 26. Mai 2021 die Landesministerien für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung sowie für Justiz und Gleichstellung und luden zur Online-Konferenz „Digitalisierung geschlechtergerecht gestalten – Herausforderung jetzt annehmen“. Über 100 Teilnehmende aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung des Landes Sachsen-Anhalt nahmen daran teil. Wie groß Austausch- und Informationsbedarf zum Themenbereich sind, zeigte ein Online-Stimmungsbild während der Tagung: Knapp 30 % der Anwesenden sah sich bisher mit dem Thema Gender/Gleichstellung vetraut, die Hälfte mit dem Thema Digitalisierung und nur ein Fünftel mit beiden Themen.

Das Gutachten für den Dritten Gleichstellungsbericht vereint beide Themen. So passte es, dass die Vorsitzende der Sachverständigenkommission für den Dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, Professorin Dr. Aysel Yollu-Tok, wichtige Kernaussagen in ihrem einleitenden Input vorstellte. Im Sinne des Gutachtens verwies sie darauf, dass die Schlüssel für eine geschlechtergerechte Digitalisierung darin liegen, erstens, allen Menschen gleichermaßen einen Zugang zu Ressourcen und digitalisierungsbezogenen Kompetenzen zu bieten, zweitens, die strukturellen Rahmenbedingungen zur tatsächlichen Nutzung solcher Ressourcen zu schaffen und, drittens, die Gestaltung digitaler Technologien so zu verändern, dass Diskriminierung durch in algorithmische Systeme übernommene Stereotype vermieden werden. Ein wichtiges und vom Publikum aufgegriffenes Thema war die noch immer geringe Beteiligung von Frauen in informatischen und ingenieurstechnischen Ausbildungen/Studiengängen, auf das auch die Informatik-Professorin Prof. Dr. Sanza Mostaghim am Beispiel der Mageburger Otto-von-Guericke-Universität hinwies. Das Problem pflanzt sich später fort in der Digitalbranche, wie Aysel Yollu-Tok erläuterte, die von vielen der wenigen Frauen dort zudem auch nach einigen Jahren wieder verlassen wird. Statt sich hier auf Lösungsansätze allein zu fokussieren, die vermeintliche Defizite von Frauen beheben sollen, sollten Handlungsstrategien eher Barrieren seitens der Arbeitgebenden oder innerhalb der institutionellen Strukturen adressieren – nach dem Motto fix the company statt fix the women: Dazu gehören etwa tief verankerte (teilweise unbewusste) Stereotype in mehrheitlich männlichen Teams mit Menschen ähnlicher Herkunft, ähnlichen sozialen Hintergrunds und ähnlicher körperlicher Befähigung (fehlende Diversität), intransparente Entlohnungs- und Beförderungsstrukturen oder die Unsichtbarmachung bestimmter Fähigkeiten wie eher als beiläufig und selbstverständlich angenommener IT-Skills in sozialen Berufen.

In den an die Vorträge gut besuchten anschließenden vier Arbeitsgruppen wurden zudem weitere Themen des Gutachtens vertieft diskutiert:

Die Sachverständige Prof. Dr. Katja Nebe und eine Vertreterin der Geschäftsstelle für den Dritten Gleichstellungsbericht, Dr. Andrea Knaut, widmeten sich Fragen der digitalen Gestaltung von Arbeitsprozessen und damit einhergehenden Diskriminierungsrisiken. Dazu gehören beispielsweise die inzwischen in vielen Branchen obligatorisch gewordene digitale Kommunikation: Sie bietet zum einen die Chance, Kolleg*innen auch langfristig (und nicht nur während einer Pandemie) einzubinden, wenn sie sich wegen Sorgepflichten, Krankheit oder Behinderung nicht zu einem anderen Arbeitsort bewegen können. Zum anderen drohen Ausschlüsse und Entgrenzungen, wenn Arbeitende nicht über die nötige gute Geräteausstattung, schnelles Internet und grundlegende Nutzungskenntnisse verfügen oder plötzlich die Arbeit den Lebensalltag durchdringt und beständige Erreichbarkeit zur stillen Voraussetzung wird. Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung müssen hier ganz besonders im Blick bleiben. Ein weiteres wichtiges Schlagwort der digitalen Arbeitswelt ist Agilität, die ebenfalls schnell zum zweischneidigen Schwert werden kann. Einerseits werden klare, zeitlich begrenzte Kommunikation, flache Hierarchien und das schnelle pragmatische Produzieren brauchbarer Arbeitsergebnisse großgeschrieben, andererseits können Mechanismen unbewusster Diskriminierung durch die hierarchiefreie Arbeitsweise verstärkt werden.

Wie sich Gender-Dimensionen jenseits der Erwerbslebens durch die gesamte Gesellschaft ziehen und was das für konkrete „Instrumente für die geschlechtergerechte Gestaltung der Digitalisierung“ bedeutet, diskutierten Dr. Arn Sauer – Mit-Autor an der Expertise „Technikfolgenabschätzung und Geschlecht“ – und Regina Schreiber vom Umweltbundesamt sowie Nadine Hiller und Aliena Oelke vom Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Magdeburg mit Teilnehmenden einer weiteren Arbeitsgruppe.

Helene von Schwichow von MOTIF, Mit-Autorin der Expertise „Zwischen Flexibilität und Unsicherheit: Erfahrungen von Frauen in der Plattformökonomie“ beschäftige sich zusammen mit Sandra Fischer von der Magdeburger IT-Firma FINSOTEC GmbH in einer weiteren Arbeitsgruppe mit konkreten Problemen von „Frauen in der Digitalbranche und Technologieentwicklung".

Prof. Dr.-Ing Heike Mrech und Dr. Sandra Scholz vom Zukunftszentrum Digitale Arbeit Sachsen-Anhalt setzten sich in einer vierten Arbeitsgruppe vertieft mit Risiken des Homeoffice für die Gleichstellung auseinander.

Einige Materialien zu den einzelnen Themen und zur Veranstaltung sind bereits online verfügbar.

Weitere Quelle:

Pressemitteilung des Landesministeriums für Justiz und Gleichstellung vom 26. Mai 2021