Feminismus in Minischritten

Lehren aus 40 Jahren MINT-Gleichstellungspolitik in Deutschland

28.02.2020
ak
Titelblatt der Schülerinnenbroschüre der Fachgruppe "Frauenarbeit und Informatik" der Gesellschaft für Informatik, 1993

Bericht vom Hearing am 19.02.2020. Die westdeutschen feministischen Bewegungen der späten 1980er und 1990er Jahre reagierten auf die zunehmende massenhafte Verbreitung von Rechentechnik auf dreierlei Weise: Ein Teil lehnte sie als bedrohlich, umweltzerstörend und Frauen aus der Berufstätigkeit drängend ab. Andere sahen die utopische Chance einer Überwindung der an den Körper gebundenen Geschlechtlichkeit und der Bildung neuer basisdemokratischer lokaler wie globaler Netzwerke. Sich schließlich in das vermeintlich Unvermeidliche fügend, kämpften weitere um eine gleichberechtigte Teilhabe an der Informatik- und Ingenieursausbildung sowie an der Entwicklung und Gestaltung der neuen digitalen Produkte und Arbeitsplätze. So fassten Dr. Bärbel Mauß (Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung, TU Berlin) und Gertrud Schrader (Leibniz Universität Hannover, Künstlerin) ihre Rückschau auf die Aktivitäten der autonomen Frauen*gruppen in Ökologie- und Antiatombewegung, der selbstorganisierten Initiativen von Naturwissenschaftlerinnen* und Technikerinnen* u.a. auf FiNuT-Kongressen oder in der Gruppe „Frauenarbeit und Informatik“ (heute: „Frauen und Informatik“) in der Gesellschaft für Informatik zusammen.

Viele gleichstellungspolitische Maßnahmen von Gender-Mainstreaming-Strategien, über Gleichstellungs- oder Frauenbeauftragte, die Einbeziehung von geschlechtertheoretischer Forschung in MINT-Curricula, monoedukative Technikstudiengänge bis hin zu Selbstverpflichtungen auf eine gleichberechtigtere und diversere Organisationskultur wurden in den letzten Jahrzehnten teilweise gegen großen Widerstand durchgesetzt. Sie stehen noch heute oft unter Rechtfertigungsdruck, sind befristet angelegt oder zu schlecht ausgestattet. Die in diesen Auseinandersetzungen erfahrene Professorin Barbara Schwarze (u.a. Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit, Initiative D21) zeigte auf, dass viel zu tun bleibt. Noch lange sind keine zufriedenstellenden Einschreibzahlen von jungen Frauen in MINT-Studiengängen und genügend hohe Zahlen von in IT-Berufen verbleibenden Frauen erreicht. Es lasse sich schon aus den gleichstellungspolitischen Maßnahmen der 1970er/1980er lernen, dass der Ansatz, die Defizite von Frauen auszugleichen, ins Leere läuft, wenn nicht gleichzeitig die strukturellen Defizite der Betriebe verändert würden. Gerade hinsichtlich der (dualen) Berufsausbildung sei noch gesteigerter Handlungsbedarf nötig, da hier der Anteil weiblicher Auszubildender in vielen technischen Berufen unter zehn Prozent liege.

Dr. Anke Woschech beim Vortrag über „Frauen in technischen Berufen in der DDR: Gleichstellungspolitische Instrumente vor der Wende‟
Dr. Anke Woschech beim Vortrag über „Frauen in technischen Berufen in der DDR: Gleichstellungspolitische Instrumente vor der Wende‟

Etwas radikaler waren die staatlichen Gleichstellungsmaßnahmen hingegen in der DDR, wie die Technikhistorikerin Dr. Anke Woschech (TU Dresden) darstellte: So gab es seit 1965 staatliche Frauenquoten bei Studienzulassungen und Rekrutierungsauflagen für technische Berufe sowie Hochschulreformen, die MINT-Ausbildungen auf mehreren Ebenen beförderten. Nicht zuletzt waren das polytechnisch orientierte Schulsystem, die verbreitete Berufstätigkeit von Frauen sowie die Wehrpflicht der Männer vor dem Studium wichtige Faktoren für den seit Anfang der 1970er Jahre im Vergleich zu Westdeutschland deutlich höheren Frauenanteil in den Technikwissenschaften. Dieser ging nach der Wende jedoch stark zurück. Im Westen fanden die Ost-Ingenieurinnen schwerer eine Anstellung. Die staatlichen Maßnahmen in der DDR führten zudem nicht dazu, dass sich tradierte Rollenbilder auflösten und Sorgearbeit deutlich stärker auch durch Männer übernommen wurde.

Die Nachhaltigkeit der Maßnahmen in Ost wie West ist insgesamt ein zentrales Problem. Einstige „technofeministische Hoffnungen“, dass die Digitalisierung das Patriarchat kraft eines neutralen Wesens der Technik auflöst, sind ebenfalls bisher unerfüllt geblieben. Dr. Judith C. Enders (Alice Salomon Hochschule) und Amanda Groschke bemängelten fehlende ganzheitliche Konzepte in Pädagogik und Erwachsenenbildung, die reflektierte Medienkompetenzmodelle und gendersensible Angebote umfassen. Offen blieb, wie diese Konzepte sich von bisherigen Ansätzen der Integration von Gender Studies in die technik- und naturwissenschaftliche Bildung genau unterscheiden.

Eine digitalisierte Welt wird ohne staatliche Steuerung und ohne weiteren Kulturwandel keine Chancen für die Gleichstellung der Geschlechter bieten. Deborah Oliviera (Universität Basel) brachte es in ihrem Vortrag „Gender und Digitalisierung: Projektionen in technische Lösungen der Geschlechterfrage“, angelehnt an ihre Studie zum Thema, auf den Punkt: Auch die Industrialisierung und die damit einhergehende Technisierung der Hausarbeit hätten keine automatische Auflösung geschlechtsspezifisch segregierter Arbeitsteilung nach sich gezogen. Heute seien soziale Arbeit, Pflege und Haushaltsarbeit nach wie vor weibliche Arbeitsfelder, in denen das Geleistete stark unterbewertet wird. Berufe in diesen Bereichen stehen durch neue digitale Assistenzsysteme sogar unter starkem Druck, die Arbeitseffizienz auf Kosten der Qualität zwischenmenschlicher Interaktion zu steigern. Nur geschlechtergerechte betriebliche Rahmenbedingungen und aktiv diskriminierungsfrei gestaltete Technik helfen hier weiter.

Dr. Sandra Buchmüller beim Vortrag über „Moderne Ansätze für Gender und Diversity in der Technikgestaltung und ihre Verbreitung‟
Dr. Sandra Buchmüller beim Vortrag über „Moderne Ansätze für Gender und Diversity in der Technikgestaltung und ihre Verbreitung‟

Einen Überblick hierfür geeigneter Gestaltungsmethoden gab Dr. Sandra Buchmüller (TU Braunschweig), deren Buch „GESCHLECHT MACHT GESTALTUNG“ eine feministische Checkliste für ein sozial gerechtes Design von Technik bietet. Sie führte in ihrem Vortrag die Vorzüge von beispielsweise partizipativen, kritischen oder wertesensiblen Designpraktiken zusammen. Auch wenn es viele Parallelen zu agiler Softwareentwicklung gibt, ist der grundsätzliche Zweck dieser Methoden nicht das Unternehmenswachstum oder die Gewinnsteigerung mit Kund*innenzufriedenheit als willkommener Begleiterscheinung. Eine machtkritische Technikgestaltung unter guten diskriminierungsfreien Arbeitsbedingungen behandelt die vielfältigen Lebensrealitäten und Wünsche auch marginalisierter Nutzer*innen als vordergründig, während der Erhalt betrieblicher Rentabilität, nicht zwingend Wachstum, eine notwendige Bedingung darstellt.

Über aktuelle Veranstaltungen und weitere Hearings berichtet die Geschäftsstelle für den Dritten Gleichstellungsbericht auch auf twitter unter @gleichgerecht.